Spaghetti Bolognese – Vom Bett auf den Tisch!








Zutaten
  • 500g Spaghetti
  • 300 g Rinderhackfleisch
  • 2 kleine Karotten
  • 1 kleine Zwiebel
  • 1 Knoblauchzehe
  • 0,75 Liter passierte Tomaten
  • Olivenöl
Filomena hatte sich zuerst aus dem Bett erhoben, stand jetzt am Herd und kochte Spaghetti Bolognese. Sie hatte diesbezüglich eine besondere Autorität (die ich ihr in jedem Fall nicht abgesprochen hätte): Ihre Mutter war aus Bologna und „Bolognese", ich musste es mir erneut ins Gedächtnis rufen, war das zur Stadt gehörige Adjektiv, auch wenn für mich, nach Jahrzehnten leidenschaftlichen Nudelessens, das Wort sich von seiner geographischen Herkunft löste, zu verselbständigen drohte und mit dem wagen Eindruck einer Tomaten - Fleischsoße zu verschmelzen begann.
Die Bologneser Dame, die ich wenig später kennen lernen durfte, hatte nichts von einer Nonna, die sie inzwischen auch geworden war, sorgte sich nicht um meinen Appetit und drängte weder mit Speisen oder mit anderen Themen in den jungen Mann, der ihrer Tochter nahe zu stehen schien. Sie stand aufrecht, schlank, meist mit einer Zigarette zwischen den blassen Lippen, neigte sich freundlich zu, und hielt doch Abstand zu den Dingen und den Menschen. So war es auch nicht sie, sondern ihre Tochter, die von den Jugenderlebnissen in der Kriegszeit erzählte. Wie sie als kleines Mädchen den Partisanenkrieg in der Emilia mitgemacht hatte, mit einer Partisanengruppe über die Dörfer geflüchtet war, und sogar unter deutschen Feuer gelegen hatte, das einen der elterlichen Kameraden zerfetzte. Mir, dem Deutschen, war sie freundlich und sanft begegnet. Als ich sie später besser kennen lernte war mir, als hätten nicht die seit den Erlebnissen vergangen Jahre die Angst und den Hass gemindert, sondern dass es die Ereignisse selbst waren, die in ihr die Offenheit, Gelassenheit und Friedfertigkeit auch dem Fremden gegenüber gesät hatten.
Die Tochter stand nun also am Herd, hatte fein gehackte Zwiebeln, Karotten und Knoblauch mit Olivenöl angedünstet und rührte mit aufmerksamen Blicken das Fleisch im Topf. Mit der gleichen Aufmerksamkeit, mit der sie nur eine Stunde vorher mit klar blickenden Augen in sich hineingelauscht hatte, und den Moment herbeifühlte, an dem ihr das Lauschen und Denken entgleiten sollte.
Das Hackfleisch sollte keineswegs klumpig in einer tomatenroten Soße schwimmen, sondern, in kleinen Schlucken den Saft aus passierten Tomaten in sich aufnehmen und karamellisieren lassen, bis sich, nach mehrmaligem Angießen, ein helloranger Fleischbrei bildete, der sich ansatzweise wie eine Kugel spannte und puddinghaft zu zittern begann.
Und das, so erklärte Filomena, ginge nur unter ständigem, aufmerksamem Rühren, von dem ich nicht ablenken sollte. Alles hätte seinen Ort und seine Zeit, vor allem seine Zeit, da bezüglich des Ortes sie schon einige Flexibilität gezeigt hatte. Und nun sei die Zeit des Kochens und nicht der Liebe.
Ich blickte auf ihre nackten Arme, die unter dem Morgenkleid herausschauten, legte einen Augenblick sogar meine Hand auf den Streifen Haut unter ihrem Haaransatz - doch wurde umgehend der Küche verwiesen. Ich solle am Tisch platz nehmen, und das Essen erwarten, und keineswegs den Tisch decken wollen, oder sonstige nützliche Verrichtungen beginnen, die einzig ihr, der Frau des Hauses zustünden.
Wenig später kam sie aus der Küche mit zwei tiefen Tellern voll herrlich duftender Spaghetti, die sie behutsam auf dem Tisch absetzte. Als sie auf ihrem Stuhl platz nahm, war die Anspannung aus ihrem Gesicht gewichen. Sie reichte mir die „Grattugia" Käsereibe und ein Stück festen Parmesans und strich dabei mit einer unnachahmlichen Gebärde über meine Wange, so schnell und federweich, dass stets unklar blieb, ob und wie genau sie mich berührt hatte - und eben daher die Berührung so lange nachwirkte.
„Lass es Dir schmecken", entgegnete sie lächelnd meinem Zögern und wandte sich mit einer zauberhaften Geste ihrem Teller zu.
Ich betrachtete sie noch einen Moment, und begann nachdenklich die mit einem Hauch von Soße umhüllten Spaghetti zu verspeisen. Kauend versuchte ich zu ergründen, was sich an diesem Abend zwischen uns entwickelt hatte. Es schien über die Maßen einfach, und wollte doch nicht recht ins Bewusstsein dringen, war uneingestehbar und wurde schon vom eigenen Denken zensiert: Ich habe mich an diesem Tisch wie ein Mann gefühlt. Bekocht, bedient, umsorgt. Ebenso nachdrücklich, roh und hemmungslos wie eine Stunde zuvor, als ich mich auf meinen Rücken legte und den Augenblick erwartete, in dem sie ihren Kopf auf meine Brust legen würde.
Kraftvoll stieß ich die Gabel in die Nudeln und stützte meinen entblößten Unterarm auf den Rand des Tisches. Ich hob meinen Kopf und blickte in Filomenas Augen, die mich offensichtlich wissend und etwas spöttisch anlächelte. Ich war auf dem Weg gegangen, den sie mit sanfter Hand bereitet hatte.
Fotos: Videostill, Anonym

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